Ein Mann,
ein Brett,
und Japan

Ein Rollabenteuer durch das
Land der aufgehenden Sonne.

Als Taschenbuch und eBook!

Vielen Dank für Dein Interesse. Dieses Buch beschäftigt sich umfassend mit der Kultur, der Geschichte, und den Menschen dieses faszinierenden Landes – geschrieben aus der Perpektive eines japanbegeisterten Rollsportlers, der mit seinem Rucksack-Abenteuer über Stock und Stein einen langjährigen Traum verwirklicht. Die Geschichte ist natürlich wahr! Insofern werden mit diesem Buch alle bedient: Abenteurer, Japan-Interessierte, und nicht zuletzt Anhänger von einer erfrischend neuen Erzählformen.
Wer hineinschnuppern möchte, findet nachfolgend eine kleine Leseprobe. Zum Wohl!

LESEPROBE

Küstenträume

Ich befreie mich aus meinem Zelt hinter der Raststätte wie ein Wrestler von seinem Muskelhemd.
Das für heute erkorene Tagesziel ist eine Städtlein namens Tsuruga, gelegen in Zentraljapan, an der Küste zum japanisch-chinesischen Meer. Gemäß der putzigen Karte, die in der Raststätte auslag, führen dorthin zwei Wege: Ein geradliniger Landweg, oder ein ausschweifender Küstenweg. In Richtung Landweg führt eine einfache Landstraße; in Richtung Küste vorerst nur die nahe Schnellstraße, die sich fast als Autobahn verkaufen ließe. Laut der Frau am Tresen darf ich mich bei der Küstenstraßenoption auf eine 90 Kilometer lange Tour einstellen.
Ich will zwar dringend zum Meer, doch mein Gewissen verbrüdert sich mit dem gesunden Menschenverstand (soviel eben noch übrig ist) und hält meinen Wagemut im Zaum: Das Schnellstraßenerlebnis am ersten Reisetag Richtung Hirosaki, weißte noch? Den Ruß und Dreck den dir die Lastwägen in den Rachen schoben? Zwei Tage lang war der Hals hinüber, aber sowas von. Und die Küstenstraße erst neulich? Gegossen hat’s wie die Sau. Passiert auch weiter drin im Land, aber dann zieht’s wenigstens nicht so dolle! Also, mach halblang, Junge. Fahr‘ vorsichtig. Sei vernünftig.

Schweren Herzens richte ich das Rollbrett gen Landesinnere, und schiebe los. Vorbei an den nassen Feldern im Morgentau, vorbei an dem vermaledeiten Schuppen für Angelwaren von gestern Abend, sodann eine kurze Anhöhe hinab, hin zu einer kleinen Autowerkstatt vor einem Dörflein; ein paar Arbeiter schneiden dort gerade die Grünflächen zurecht. Ich bremse und stochere mir ein paar Sätze zurecht um mir grob die Route zu erfragen.
Über den Landweg?«, kommt es freundlich zurück. »Das macht wenig Sinn. Mit dem Skateboard, zu hügelig. Am besten man fährt an der Küste entlang.«
Ah, ja gerne, aber Autobahn und so. Wo Küste?«
»Küste, ganz nahe!«
»Umme Ecke?!«
»Jaja doch, hier einfach zurück, dann an der Raststätte links auf die Autobahn. Dauert nicht so lange, dann führt ’ne Abzweigung nach rechts und schnurstracks zur Küste.«
Geschwind rolle ich die paar Kilometer zurück, wieder am Schuppen für Angelwaren vorbei. Ich stelle mir vor, wie der Mann von drinnen meine Irrwege verfolgt und abends mit Nackenstarre vom Kopfschütteln zu Bett muss.
Bei der Kreuzung mit der stolzen Schnellstraße blinke ich links – und steige ab, denn mir bleibt in Ermangelung eines Standstreifens nur die nasse Ackerfurche daneben. Wenn der Weg das Ziel ist, und mir nun tatsächlich neunzig Kilometer Marschroute an der Autobahn bevorstünden – ich zielte auf dem besten Weg in den Wahnsinn.
Aber es geht gut aus. Nach einer vertretbaren Wanderung verwandelt sich die Schnellstraße zur Landstraße, und die LKW-Flut verebbt gänzlich. Auch der restliche Verkehr dünnt weitestgehend aus. Fantastico! Die Luft ist rein, das Brett gehört auf den Teer, und der Kerl ist ganz in seinem Element. Hauptsache, die Ausfahrt wird nicht verpasst.
Ich entscheide mich nach Gutdünken für eine halbwegs prominente Abzweigung kurz vor einem Dorf, und nehme damit eine breite, sportlich steil nach oben führende Straße, die fernab in ein Wäldchen führt.
In diesem Wäldchen kommt mir ein Bauernehepaar entgegen. Ich erhebe zeitig meine Hand zum Gruß. Der Herr schiebt pflichtbewusst eine Schubkarre vor sich hin, die Frau marschiert stumm nebenher – und schnurstracks an mir vorbei, meine zum Gruß erhobene Hand komplett ignorierend. Der Herr erbarmt sich, bleibt stehen, und stellt sich gnädigerweise meinen Fragen, während er dabei stets leicht verstohlen an meinem Ohr vorbei seiner Frau hinterherblickt. Ob er sich Befreiung durch die Frau erhofft – oder von der Frau?
Geht mich nichts an. Bevor ich ihn wieder in seine höchst eigene Lebensrealität entlasse, erbete ich eine kurze Auskunft, ob ich nach diesem Wäldchen eine Straße nach Tsuruga erwarten darf. Er denkt laut nach: »Hm, jaaa, Tsuruga… ja. Geht ne Straße lang, ja. Aber viel zu weit, der Weg, mein Freund. Kurze Strecke gibt es auch, einfach zurück über das Landesinn…« Da fahre ich aufgeregt dazwischen: »Küste dort, diese Straße? Danke, tschöööö!«
Ich renne die Anhöhe hinauf und schieße auf der anderen Seite aus dem Wäldchen heraus. Damit lande ich auf einer etwas prominenteren Straße, die sich mit einem Schild Richtung Tsuruga vorstellt. Noch ein, zwei Kilometer schiebe ich lustvoll diese dankbar ruhige Landstraße entlang, bis mir ein paar schlanke Hügel und ein paar Bäume die Fernsicht verdecken. Ich kurve voran, und wie hinter einem sich zur Seite öffnenden Theatervorhang aus Fels und Fauna öffnet sich mir ein Panorama aus Sonne, blauem Himmel, einem fröhlichen Meer… eine Bergkette… und genau zwischen diesen Mächten: eine Straße. Und was für eine!
Der Asphalt ist fantastisch. Die Straße bleibt bis zum Horizont am Meer kleben. Die Sonne scheint, keine Wolke ist am Himmel. Verkehr findet auf diesem versteckten Landwerk nur sehr eingeschränkt statt. In der Ferne erkennt man Fischerdorf nach Fischerdorf. Es ist traumhaft. Ja, ich hör’ ja schon auf!
Beherzt schiebe ich an. Während ich die Fahrt genieße – und des Öfteren vor Staunen das Anschieben vergesse (oder den Unterkiefer wieder einzufahren) – fährt in einem Dorf ein Kleinbus heran und ein Stück neben mir her. Drinnen sitzt eine Frau mittleren Alters die sich für mein Vorhaben interessiert. Ich erzähle ihr von meinem Unterfangen heute nach Tsuruga zu fahren – was sie ganz toll und reizend findet.
Klar – man sieht in solchen Gegenden nicht allzu oft Skateboards, noch weniger mit so ’nem großen, bärtigen Grinsemännchen drauf. Ich hingegen finde es äußerst toll und reizend, dass nicht nur sie das toll findet, sondern praktisch alle hier: Die meisten Menschen winken mir zu und wünschen mir alles Gute. Ein paar Leute reagieren zwar verhaltener, aber oftmals nur, weil sie nicht wissen wie man mit einem Ausländer umgeht. Kaum spreche ich ein japanisches »Hallo«, erhellen sich auch deren Gesichter, und alle Daumen gehen nach oben.
Die Frau im Kleinbus und ich verabschieden uns nach einem kurzen Schwatz. Beseelt von der netten Quasselei schiebe ich mich weiter durch das Dorf. Was könnte schöner sein, was könnte man sich sonst noch wünschen! Nun…
Ein paar Augenblicke später schießt der Kleinbus wieder heran. Die Frau kurbelt das Fenster herunter, reckt ihren Arm hindurch, und reicht mir eine große Dose eiskaltes Premiumbier.
Perplex stammele ich irgendwas zum Dank und verabschiede mich erneut. Die Frau tuckert fröhlich in ihrem Kleinbus davon während ich stumm auf die Dose Bier blicke als hätten meine Hände magische Kräfte entwickelt. Sobald ich mich gefangen habe, widerstehe ich der Versuchung nicht lange und rolle schon bald schlürfend weiter von Dorf zu Dorf.
Bei dem kleinen Biergeschenk, so lerne ich später, handelt es sich um ein sogenanntes »O-Settai«. Der Begriff beschreibt den Brauch, einem umherziehenden Pilger eine Annehmlichkeit in Form eines kleinen Geschenks zukommen zu lassen. Das Pilgern hat in Japan eine über 1200-jährige Tradition, und dementsprechend altehrwürdig sind so manche Routen – wie etwa die drei »Kannon Reishoo«-Pfade, auf denen man zusammengerechnet genau 100 heilige Stätten erwandert, oder der berühmte Weg rund um die gesamte Insel Shikoku – die kleinste der vier großen Hauptinseln Japans -, auf dem man stolze 88 Tempel abgrast.
Auf jenem Shikoku-Pilgerweg ist man zudem auf den Spuren eines legendären Mönchs unterwegs, »Kobo Daishi«. Dieser gute Mann hat mit seinem spirituellen Eifer im achten Jahrhundert die Verbreitung vom Buddhismus entscheidend vorangebracht; zudem wird ihm die Erfindung des leicht zu lesenden »Kana«-Alphabet erfunden zu haben, welches zusammen mit den komplexen chinesischen Piktogrammen, den »Kanji«, das japanische Alphabet bildet.
Der gute Kobo war viel unterwegs; unter anderem war er in China auf Tour und hatte auch ein paar Angelegenheiten bei Hiroshima zu regeln. Seine verdiente Erleuchtung erlangte er aber nicht auf der großen Hauptinsel Honshu, sondern auf der Insel Shikoku. Ich plane es ihm gleichzutun.
Wie dem auch sei, ich wüsste nicht dass ich auf einem Pilgerweg umherrolle – aber das wäre für ein O-Settai auch unerheblich, denn es drückt wohl schlicht den Respekt für denjenigen aus, der sich freiwillig draußen durch die Wildnis quält. Ich möchte nun nicht behaupten, dass man in anderen Ländern und Kulturen nicht ebenso kleine Geschenke mit auf den Weg bekommt, doch in Japan hat man es – wie so vieles – zum Kulturschatz erhoben.
Während der kommenden 60 Kilometer erreicht meine gute Laune nicht selten den Zustand blanker Ekstase. Das Wetter bleibt absolut erstklassig, der Asphalt ebenso; ein Dörflein ist charmanter als das andere. Den Verkehr kann man sich ebenfalls schenken. Ich jauchze oft.
Aber die sechzig Kilometer sind nur ein Teil des Tagespensums. Die letzten zwanzig werden… ungemütlich: Es geht zunehmend Anhöhen hinauf; aus kurzen Tunnel werden laaaange Tunnel, und der LKW-Verkehr nimmt ebenso erheblich zu. Der Standstreifen, auf dem ich brav unterwegs bin, wird immer dünner, bis ich schlussendlich nur auf einer kleinen Furche zwischen Felswand und Fahrbahn unterwegs bin. Ich rolle nur noch im Ausnahmefall, und watschele im Zweifel lieber. Dazu wird es langsam dunkel – und ich bin immer noch meilenweit von Tsuruga entfernt und trotte diese arschige Straße entlang. Ausgezehrt vom bisherigen Tages­programm gehen mir langsam die Nerven flöten. Die Lage ist heikel, und sehr angespannt.

Genau hier sollte das Programm kurz unterbrochen werden für eine wichtige Mitteilung:
Dieses hier geschilderte Unterfangen (nämlich auf ungeschützten Straßen füßlings den Verkehr und sich selbst zu gefährden) ist in vielerlei Hinsicht nicht vertretbar. Auf irgendwelchen verlassenen Trekkerpfaden umherrollen, das geht schon in Ordnung – aber derartige Aktionen sind schlicht NICHT in Ordnung.
Mir ist klar, dass ich mir gewisse Freiheiten nehme und gegen ein paar Etiketten verstoße. Mir ist auch klar, dass ich froh sein kann, dass mein Verhalten weitestgehend entschuldigt und als Bonus manchmal sogar begrüßt und bejubelt wird.
Nichtsdestotrotz würde ich es mir nie erlauben den Bogen zu überspannen – dafür respektiere ich Land und Leute zu sehr. Auch wenn ich manchmal übereifrig voranstürme – bevor ich auf
ungewissen Straßen lande, kläre ich nach Möglichkeit jede sichere Alternative. Im Zweifel bekommt jeder Radweg oder abseitige Trekkerpiste den Vorzug, wenn ich mir nicht andersweitig absoluter Sicherheit gewiss sein kann.
Manchmal steckt man aber trotzdem drin im Schlamassel, und dort hinein möchte ich keinen Leser animieren – auch wenn ich mir noch so sportlich einen Mehrwert von begrenzter Straßenkunde aus den Fingern sauge. Weiter im Text.

Es ist laut, es ist gefährlich, es ist dreckig, es wird langsam lausig kalt. Kurz gesagt: Es ist die Hölle. Ich verdamme diese Lastwägen mit aller Hingabe – bis es dann klappert im Oberstübchen: Bei allem was ich weiß, transportieren diese abstoßenden, umweltverpestenden, lärmenden Dreckskübel gerade jene Einzelteile, aus denen meine Ausrüstung besteht. Mein Trip wäre gar nicht möglich ohne meine sorgsam ausgesuchte Spezialausrüstung, und die Produktionsketten gehen heutzutage halt um den ganzen Globus. Einen Blick für die Schönheit der Welt kriege ich also nur, wenn ich sie auf anderer Seite wieder zerstöre.
Selten wurden mir beide Seiten der Medaille so dicht vor die Augen gehalten wie die vorbeiziehenden Außenspiegel dieser LKWs. Aller Wahrscheinlichkeit nach liegt in den Straßenfrachtern zwar Dosenfisch – aber das tut nichts zur Sache.
Ich arrangiere mich also mit den Umständen und beiße mich durch bis nach Tsuruga. Die Stadt liefert schon von der Ferne einen irren Anblick: Die Ausläufer der Stadt sind am Meer beziehungsweise der hiesigen Bucht, das Industriezentrum jedoch liegt auf einer ordentlichen Anhöhe über dem Rest der Stadt. Bemerkbar macht sich dieses Zentrum durch mehrere immens große Fabrikgebäude, die, nachts hell leuchtend, über der Stadt thronen wie gigantische Industriekathedralen. Es ist… nun, gleichermaßen beeindruckend wie abstoßend.
Ich gelange unweit der Bucht an einen einsamen Convenience-Store. Reingegangen: »Kann man hier campen?«
»Jep, leg’ dich einfach zweihundert Meter weiter da vorne an die Bucht.« – »Großartig, mach ich!« – »Biste hier wegen dem Skateshop?« – »Hö?« – »Der ist in der Stadt, heißt ’Pool’. Check den mal aus.« – »Oh. Klar!«
Aber wahrscheinlich nicht. Trotzdem, danke Bruder!
Ich nähere mich der Bucht ungewollt über ausladende Umwege, bis ich an einem einladenden Grasstreifen ankomme. Daran vorbei führt ein Spazierweg, der von ein paar schlendernden Hobby-Anglern bevölkert wird. Ich spekuliere unbeflissen dass die umstehenden Toiletten, Sitzbänke und Pavillons wohl zur Buchtausstattung gehören.
Um zehn Uhr lege ich mich zufrieden ins Zelt. Ich habe Bedenken, dass ich nicht irgendwo hätte Bescheid geben müssen – aber wenn keine Sau mehr da und eine Rezeption nicht auszumachen ist, werde ich mich im Falle eines Falles schon aus der Bredouille reden können. Da bin ich zuversichtlich, denn bis jetzt war jeder Japaner entgegenkommend, und – vor allem – verständnisvoll. Zur Not erzähle ich ihm was vom Spätifritzen.

Das Fünftausend Yen Fiasko

Ich mache die Augen auf, es ist sechs Uhr morgens. Durch eine Kuckritze sehe ich acht bedrohlich nahe Hundebeine. Es folgen zwei hinterher stapfende Männerbeine in Gummi­stiefeln. Das sind mir nun mindestens zwei Beine zu viel. Die beiden Männerbeine bleiben stehen und mustern mein Zelt. »Verschwindet!«, denke ich laut. Und – sie verschwinden. Geheuer ist mir das nicht.
Ich döse noch ’ne kurze Weile, entscheide mich dann aber für ein baldiges Aufstehen, gefolgt von ’nem fixen Verschwinden.
Kurz darauf stehe ich einen Steinwurf entfernt bei einem frei stehenden Waschbecken neben dem Toilettenhäuschen und putze munter die Zähnchen. Da sehe ich wie ein alter Knacker um meinen vormaligen Zeltplatz herum stiefelt und mein Gepäck begutachtet. Er richtet sich auf und blickt suchend herum, bis sich unsere Blicke treffen. Er winkt mich heran. Ich schrubbe aber beherzt weiter, und fuchtele ihm dafür mit der freien Hand beschwichtigende Gesten entgegen. Alles zu seiner Zeit!
Ausspucken. Abtupfen. Entspannt dem Herrn entgegenschlendern, in reine Unschuld gehüllt. Der Mann sieht sich mein Theater zwar aufmerksam an, ist aber nicht sonderlich beeindruckt. Ganz im Gegenteil. Ich schließe zu ihm auf, lächle so entwaffnend wie ich nur kann – und frage zuvorkommend, wo der Has’ im Pfeffer liegt. Ob ich denn hier gepennt habe, fragt er. »Klar«, sag’ ich.
»Denn heute Morgen stand hier ein Zelt.«
»Macht Sinn, denn ich hab ja hier gepennt.«
»Aber an der Uferpromenade sein Zelt aufzubauen, kostet Geld«, meint er.
»Wo steht das? Und warum ist dann hier keine Sau?«
»Wie, was soll das heißen, keine Sau, dort hinten ist ein Häuschen, da hätteste dich anmelden sollen«, meint er keck.
Mein Zelt liegt in Spuckweite zum sandigen Ufer dieser kleinen Bucht, aufgebaut auf einer kleinen Grasnarbe kurz vor einem weiten Parkplatz – einem verdammt großen, leeren Parkplatz. Diesen Parkplatz deutet der alte Mann nun entlang. Dort hinten, so meint er, würde man sich anmelden. Ich suche lernbereit in die Ferne ab, sehe aber rein gar nichts. Ich blicke ihm verwirrt zurück in die Augen. Aha? Der Mann holt aus:
»Nun hör mal zu, Jungspund. In Japan gibt’s Regeln. Ist mir gerade Latte wo du herkommst, aber hier geht das so: Wennde nicht weißt ob du was darfst, darfst du’s höchstwahrscheinlich nicht.«
»Hey Moment, Typ vom Späti meinte ›alles okay‹, also wieso mein Fehler?«
»Erzählst du mir gerade was vom Spätifritzen?«
»Ich glaube schon. Gesucht hab ich, jawohl, nach Schild oder Haus mit Mann drin für Geld bezahlen. Doch doch.«
»Oi?«
»Ich bezahlen jetzt, hey, kein Problem, aber wirklich, kein Problem.«
»Kommst zu Verstand, Junge, wird auch Zeit. Das macht dann fünftausend Yen.«
»Hmbittewas? Nochmal, Entschuldigung. Wie viel?«
Etwa vierzig Euro will er von mir haben. Kommt mir nicht in die Tüte! Alter, ich weiß was auf Japanisch »Arsch« heißt (»shiri«), und ich weiß, was »offen« heißt (»aite-imasu«) – also zwing mich jetzt nicht, daraus ’nen Satz zu machen! (Ob er den Arsch offen hat, würde ich fragen. Zu beachten wäre: Hat sein Arsch Öffnungszeiten, hieße es »kaitsuu shite-iru«. Der Hintergrund dieses Wortspiels ist wahrscheinlich der pfiffigste Witz des Jahres, bleibt bis zur nächsten Auflage jedoch Menschen mit Japanischkenntnissen vorbehalten – die Erklärung ist wahrlich müßig.)
Wir arbeiten uns noch 15 Minuten aneinander ab, bis wir irgendwann genug vom Gestammel haben und nur noch unsere Blicke sprechen lassen (können). Mein Blick erfleht zwar Verständnis und Mitgefühl, doch mein Stolz lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Das ist mimisch herausfordernd. Der Mann hat es da leichter, er muss sich nur an Dirty Harry orientieren – und tut es mit Hingabe.
Irgendwann ist auch dieses Duell erschöpft. Der Mann weiß sich nun nicht besser zu helfen, als theatralisch zu seufzen und vorwurfsvoll den Kopf zu schütteln. Mir tut es leid den Herrn derart irritiert zu haben… doch bei 40 Euro Strafe hört das Mitgefühl auf.
Endlich dreht er sich um und stapft zu seinem kleinen Truck. Haut er ab oder holt er die Schrotflinte? Wie war nochmal das Ende von Easy Rider? Nein, er will nur weg, so sieht’s aus. Oh, er dreht sich nochmal um. Wo ich denn überhaupt hin will, fragt er noch. Keine Ahnung, erwidere ich wahrheitsgemäß – was ich mir hätte verkneifen sollen, fällt mir blitzartig ein, denn nun erscheine ich erst recht als planloser, unruhestiftender Landstreicher. Wie das enden kann, darf man sich im ersten »Rambo« ansehen (fun fact: »Rambo« ist tatsächlich ein japanisches Wort. Es bedeutet, wenig überraschend, »gewalttätig«).
Ich füge hinzu, dass ich nur schnell weg will; Hauptsache, ich lande auf einer Route die mich grob Richtung Kyoto und Nara bringt. »Kyoto und Nara?«, fragt er beeindruckt. – »Ja. Schön, super schön dort bestimmt, viel Kultur, Tempel, lecker!«, sag’ ich.
Da schleppt er mich zu seinem kleinen Kassierhäuschen, welches ich gestern Nacht übersehen gehabt zu haben scheine. Was nachvollziehbar ist, wie sich in Anbetracht der Größe herausstellt: Das Ding hat etwa einen Quadratmeter Grundfläche. Den Verhau kann man glatt aus einer Schachtel Lego bauen! Der Mann bequemt sich hinein, zieht das Fenster hoch, kramt Stift und Zettel hervor, lehnt sich professionell auf den kleinen Fenstersims und beginnt eine Karte zu malen.
Als ich seinen Kritzeleien und seinen kryptischen Erklärungen zu folgen versuche dämmert mir langsam, dass mir nahegelegt wird in einen vermaledeiten Zug zu steigen. Hab’ ich das richtig verstanden, alter Mann? Ich verstehe nämlich »Bahnhof« die ganze Zeit, klar und deutlich. Der Mann seufzt wiederum
theatralisch und verfrachtet mich kurzerhand in seinen putzigen Pick-Up. Wir fahren wohl jetzt zum Zughafen.
Während wir durch Tsuruga tuckern, kommt der Mann richtig in Redelaune. Ich gebe mein Bestes sprachlich nicht komplett abgehängt zu werden, habe aber schon bald wieder das Nachsehen. Es geht grob um die Stadt Kyoto und das Thema Religion. Zu gerne würde ich tiefer graben, doch für meine Nachfragen wäre es schon hilfreich, wenn ich zumindest das japanische Wort für »Buddha« kennen würde. Echt jetzt.
Wir erreichen das Bahnhofsgebäude. Leicht betreten schäle ich mich aus seiner Kiste, und weiß nun nicht welchen Ton ich beim Verabschieden anschlagen soll. Ich bin immerhin sehr glücklich und dankbar für die Hilfe, und mag das auch zu erkennen geben. Doch ich sollte untertänigst Reue zeigen – das gebietet meine katholische Konditionierung, und nicht zuletzt die vorherrschende Rangordnung. Aber der Mann macht einen stilsicheren Bogen um zu viel Aufhebens: Hier ist dein Rucksack Junge, haste alles, ja, gut, dann geh’ mit Gott, aber geh’.
Gut, das hatte ich eh vor. Mit seiner improvisierten Karte in der Hand laufe ich in den Schalterraum. Diesem Stück Papier entnehme ich, dass ich in ein Kaff namens »Kinamoto« fahren soll; einem improvisiertem Pappaufsteller im Schalterraum entnehme ich, dass für die nächsten zwei Stunden aber die Züge ausfallen. Gut, schlurfe ich eben in den Warteraum, und schiele in meine Lernbücher. Es stellt sich heraus: Buddha heißt auf Japanisch »Hotoke«. Mal sehen, wann ich dieses Wort gewinnbringend einsetzen kann.
Mittags sitze ich dann im Zug nach Kinomoto, und um zehn nach zwölf komme ich auch schon an. Das waren doch jetzt keine zehn Kilometer! Da hätte ich in der Zwischenzeit auch hinlaufen können. Im Handstand! Arrrgh.

Jesus hat’s auch nicht leicht

Ich springe aus dem Zug und will Gas geben, immerhin sind’s nach Kyoto noch etwa 130 Kilometer. Wäre die Landschaft nicht derart hinreißend, die Strecke könnte man in zwei Tagen hinter sich bringen. Ständig aber nötigen kleine idyllische Dörfer, verstreute Tempelanlagen und versteckte Schreine zum An- und Innehalten.
Ich lande auf abseitigen Trekkerpfaden, die mich an Reisfeldern (samt Bauern) vorbei von einem charmant-traditionellen Dorf zum nächsten führen. Das zieht natürlich Blicke nach sich; während ich meinen bereits stark verjüngten Frankenarsch durch die Gegend schiebe, fliegt den Feldarbeitern glatt vor Staunen das Werkzeug aus der Hand.
Auf weiter Flur blickt mir vom nächsten Dorf plötzlich ein imposanter Kirchturm entgegen. Ein Kirchturm! Aufgeregt halte ich auf dem Vorplatz; dort baumelt eine gusseiserne Riesenglocke kopfhoch in einer Art Steinaufhängung. Genauer betrachtet haftet auf der Glocke noch eine Plakette. Ich lese die Gravur, die höflicherweise mit lateinischem Alphabet aufwartet. Daraufhin lese ich sie ein zweites Mal, denn ich glaube, nur Chinesisch zu verstehen. Sicherheitshalber lese ich ein drittes Mal:
»Gewidmet vom Oberbürgermeister der Stadt Augsburg, Peter So-und-so.« Und damit schlägt’s jetzt offiziell Dreizehn.
Aufgebracht fahre ich durchs Dorf, um irgendjemanden zu finden, der mir zu dieser verstörenden Entdeckung Rede und Antwort stehen kann. Ich finde eine junge Frau, der ich ungefragt erkläre, dass Augsburg etwa 50 Kilometer neben meinem Heimatdorf liegt – wozu sie mir nur höflich gratulieren kann.
»An wen oder was glaubt ihr denn hier?«, frage ich.
»Na, Hotoke!« – Bingo! »Und wozu braucht ihr dann ’ne Kirche?«
»Tja«, meint sie, »ab und zu gibt’s halt dort ne Dorfversammlung.« Ich frage: »Einmal im Monat?« Sie überlegt kurz. »Etwa einmal im Jahr«.
Ich fahre noch ein paar Mal das Dorf ab, und finde eine wirklich schöne und gut gepflegte Schreinlandschaft nebst kleiner Tempelanlage. Nichtsdestotrotz wird das Dorf dominiert von dieser all überragenden, hochgradig deplatzierten Kirche, die niemanden zu interessieren scheint. Die europäischen
Missionare waren schon mal effektiver.
Tatsächlich waren es portugiesische Jesuiten, die bereits im 15. Jahrhundert den Weg nach Japan fanden. Sie machten sich gleich stilecht daran die Bevölkerung zu christianisieren.
Viele Japaner ließen sich tatsächlich taufen, was angesichts der quintessentiell unterschiedlichen Auffassung des Gottesbegriffs und nicht zuletzt der Sprachbarriere nur überschaubare Erfolge brachte. Die wenigen Christen wurden zudem noch vom Regime verfolgt, mit sehr unangenehmen Konsequenzen. Laut der Obrigkeit war die Leugnung der urjapanischen Spiritualität ein Affront gegen alles was gut und heilig ist; immerhin legitimiert sich das Kaiserhaus durch den Shinto-Glauben, während der Buddhismus das öffentliche Leben bedingt. Ein monotheistischer Glaube, der sich die ultimative Erlösung vom Glauben an einen Heilsbringer verspricht, geht kaum einher mit der buddhistischen Schule, wonach die Quelle der Erlösung dem Gläubiger selbst entspringt. Folgerichtig kam es zu Reibereien.
Die Jesuiten trieben das Spiel irgendwann zu weit, und wurden mit Sack und Pack des Landes verwiesen, zusammen mit den Spaniern, die auch mal nach dem Rechten sehen wollten. Nur die Niederländer durften ab und zu einen Hafen ansteuern. Abgesehen davon durfte weder jemand rein, noch raus. Ausländer wurden fortan gebrandmarkt als aufrecht gehende Unruheherde, die das Wesen der Gesellschaft unterminieren. Ein Schmerz im After, sozusagen. In milder Form hält sich diese Einstellung bis heute: Die Japaner bleiben gern unter sich, was sich unter anderem im lächerlich niedrigen Ausländeranteil beweist – was durchaus gewollt ist, so freundlich man auch Touristen aufnimmt.
Die Zeit der hermetischen Abriegelung dauerte über 200 Jahre, bis im Jahr 1854 vier amerikanische Kanonenboote in Tokyo anlegten – was den Japanern eindrucksvoll vor Augen hielt, wie wenig man sich weiterentwickelt, wenn man zu lange nicht das Haus verlässt – oder gar Besuch empfängt. Nun hätte es ungemütlich rappeln können im Karton, wenn nicht fix die richtigen, klugen Entscheidungen getroffen worden wären.
Die Entscheidung der Japaner war es, behutsam vorzugehen. Wobei jedoch der Abgesandte für die Verhandlungen maßgeblich den Ton bestimmte – und dieser Ton wurde zur Musik in den Ohren der Amerikaner, die von nun an anlegen und Handel treiben durften – was aber leider gar nicht den Geschmack vieler herrschender Shogune traf. (Man darf man sich einen Shogun als eine Art kampftüchtigen Herzog vorstellen, ein Militärregent mit Tischmanieren sozusagen).
Lange Weile, kurzer Sinn: Eine handfeste Regierungskrise folgte, die vorrangig der Frage nachging, ob Japan durch die Gewährung von Ausländern nicht Herz und Seele verliert – vom Stolz ganz zu schweigen. Der, sagen wir mal, Obershogun konnte seinen Laden nicht mehr zusammenhalten, wodurch das Shogunat mitsamt politischem System holterdipolter den Bach runterging. Das war 1867.
Neue Ideen mussten her. Die erste war es, den Kaiser wieder zum Chef zu machen. Dieser rief sodann die »Meiji«-Periode aus (was in etwa »aufgeklärte Herrschaft« bedeutet) und danach rief er nach seinem Frühstück. Während des ganzen Durcheinanders mit neuem Staatswesen und dergleichen bauten westliche Nationen kontinuierlich bescheidene Handelsbasen auf, je nachdem welche Häfen ansteuern durfte.
Und da liegt es doch auf der Hand, reime ich mir verwegen und fast ungeniert zusammen, dass sich Katholiken auch dort wieder breit machten, wo einst vor ein paar hundert Jahren schon mal solche Nasen unterwegs waren. Meinen dürftig geordneten Akten nach müsste ich gerade auf einem derartigen Landstrich unterwegs sein, wo anno dazumal Missionare hausten. Bekommen die Katholiken also doch noch ihre Angeberkirche! Wenn auch reichlich spät.
Ich mühe mich an den japanischen Erklärtafeln neben der Kirche ab, finde nichts was meinen wilden Theorien widerspricht, habe ohnehin genug vom grotesk komplizierten japanischen Mittelalter in Verbindung mit der Augsburger Gießhandwerkerzunft, und rolle wieder weiter.
Gegen 15 Uhr rolle ich durch das Städtlein »Nagahama«. Es graupelt; die Wolken über dem See Biwa-ko verheißen nichts Gutes. Ich frage einen alten Mann, der gerade seine Angel in den See hält, wo man in diesem Nestchen nächtigen könnte. Er kauderwelscht mir daraufhin ein paar Möglichkeiten vor.
Währenddessen macht sich jedoch die Einsicht breit, heute nochmal die Rollen anheizen zu müssen, wenn ich morgen Abend in Kyoto sein will. Also vergiss die erste Frage, alter Mann, wie weit ist die nächste Stadt entfernt?
Knappe 20 Kilometer? Vergelt’s Gott. Das wird ein Wettlauf gegen’s Wetter. Ikimashoo!
Ich schiebe beherzt den schier endlosen Pfad am See entlang, der mit seinem aufmüpfigen Wellengang direkt neben mir an kniehohe Ufermauern schwappt. Linker Hand, in variablem Abstand, verläuft die Landstraße. Über mir hängen tiefblaue Wolkenknäuel. Allen Indizien zu Folge gibt’s bald ein deftiges Donnerwetter. Ich schiebe tapfer voran, verwegen der Brise entgegen. Warum, um Gottes willen, bläst mir der Wind denn immer ins Gesicht? Jedes Mal! Kann mich doch einmal anschieben, Sackzement. Ohja, jetzt tröpfelt’s auch schon. Jessas, leg’ nen Zahn zu Nout, im Nu wird das nämlich ganz schön ungemütlich hier.
Ich zapfe die letzten Energie- und Motivationsreserven an, um rechtzeitig die nächste Kleinstadt zu erreichen. Beim Ortsschild nieselt es schon, doch als der wahre Guss beginnt, sitze ich bereits unter dem Vordach des Busbahnhofs. Als die Szenerie halbwegs erträglich ist, irre ich wild in der Stadt umher, bis ich noch eine, sagen wir mal, preiswerte Absteige in einer Nebenstraße finde. Ich verteile gekonnt den Inhalt meines Rucksacks über die gesamte Zimmerfläche und eile wieder los um ihn mit Futter zu füllen.
Mittlerweile ist das Wetter auszuhalten, der Markt ist auch schnell gefunden. Und was geht da ab: Meerestier von frisch, zu gebraten, zu frittiert in allerhand Variationen. Noch dazu kostet’s der späten Stunde wegen nur die Hälfte. Ganz das Kind im Bonbonladen verharre ich völlig überfrachtet an Ort und Stelle. Bis ich mich gefangen habe, reicht die Zeit für einen kleinen Ausflug in die japanische Speisekunde.
Wie es sich mittlerweile herumgesprochen hat, werden in Japan die Menschen recht alt. Tatsächlich leben hier im Schnitt die ältesten Menschen der Welt – was leider Gottes dem hiesigen Sozialsystem nicht guttut, gelinde gesagt. Doch das hat man davon, wenn man das Essen derart hochkultiviert! Meereskost ist gesund, klar – das zeigt sich auch bei den Italienern; dennoch ist die Langlebigkeit im Reich der Sonne wohl ebenso der japanischen Mäßigung sowie der Eigenart geschuldet, ein allumfänglicheres Sinneserlebnis höher zu schätzen als blanke Bedürfnisbefriedigung. Man arrangiert sich gern mit einer überschaubaren Portion, solange die Mahlzeit die Möglichkeiten der Zubereitung ausreizt. Man isst also lieber gut, als viel.
Dieser Ansatz ist zumindest dem Franken recht fern, vielleicht aber sogar dem Rest des Westens: Wir zelebrieren Speis’ und Trank vorrangig auf eine Art, die nicht selten die Grenze zur Maßlosigkeit überschreitet. In Japan ist es tendenziell andersherum.
Ich mutmaße grobschlächtig, dass die Stäbchen ebenso eine tragende Rolle beim Umgang mit dem Essen spielen. Mit Gabel und erst Recht Löffel lässt sich gut selbstvergessen schaufeln; gut genug, um nebenbei noch die Cornflakes-Packung studieren zu können. Mit Stäbchen essen ähnelt da eher dem »Adler, such’!«-Spiel. Und wenn man öfter ins Essen blickt, entwickelt man auch optische Ansprüche.
Die Präsentation genießt ohnehin einen hohen Stellenwert in Japan. Dies zeigt sich sehr schön daran, dass es bei Geschenken nicht unbedingt auf den Inhalt ankommt, sondern mit wie viel Hingabe die Verpackung gestaltet wird – denn sind wir ehrlich: Erst hier zeigt sich wirklich, wie viel Einsatz man für den Beschenkten erübrigt. Weshalb sollte der japanische Drang zur Gestaltung beim Essen haltmachen – es ist ja nicht so, als hätte man nicht sogar das Blumenstecken hochkultiviert.
Exemplarisch finden sich in den Schaufenstern vor zahlreichen Restaurants täuschend echte Wachsimitate der angebotenen Speisen. Die handwerkliche Herstellung dieser Wachsware ist tatsächlich ein etablierter Industriezweig.
Es versteht sich von selbst, dass auch Optik und Haptik des Geschirrs eine gewichtige Rolle spielen. Lunchboxen sind als formgebender Rahmen sehr beliebt; so drückt eine Hausfrau – wenn’s altmodisch zugeht – ihre Zuneigung durch schöne Arrangements der Brotzeit aus, die sie dem Mann zur Arbeit mitgibt. Geht’s gar zum Picknicken, wird nochmal extra Aufhebens um schöne Anrichtungen gemacht. Man kennt den Begriff mittlerweile auch bei uns: »O-Bento«.
Nach Bento sieht die Supermarktauslage nicht gerade aus, zugegeben. Der Franke ist allein schon deswegen froh, weil es so viel von allem gibt. Stilecht bedient er sich an frittierten Shrimps und Frikadellen und Spießchen und Sushi und und und. An der Kasse bekomme ich von der Kassiererin noch drei Paar Stäbchen mit auf den Weg. Ein Mensch allein kann so viel ja niemals essen.
Aber ich kann. Ich habe schon festgestellt, dass der Großteil meiner Wampe fehlt, und leider auch ein guter Teil meines Arsches (an dem ich eigentlich sehr hing). Mittlerweile klinke ich mich am letzten Gürtelloch ein. Meine Hosen waren für andere Ausmaße vorgesehen, somit ist der Bund viel zu weit für den engen Gürtel. Was passiert? Ich trage nun stets eine sehr verheißungsvolle Wölbung in der Schrittgegend zur Schau.
Was doppelt nervt, denn dadurch lockert sich gerne mal der Reißverschluss, und der macht bei der Gelegenheit von selbst die Luke auf.
Beim steten Zuziehen denke ich an einen Japan-kundigen Gymnasiallehrer, und seine Tipps zur Etikette: »Was man tunlichst vermeiden sollte, wäre Löcher in den Socken zur Schau zu stellen. Das wäre in etwa so, als wenn bei uns der Hosenstall offen ist und die Unterhose vorne raushängt.«
Alright then. Ich denke an meine verstärkten Funktionssportsocken und beruhige mich damit, dass mir zumindest das Erstere dann hier nicht passieren wird.

Pein und Frohsinn am Biwa-ko

Ich erwache frühmorgens,
bei blauem Himmel während Vögel singen,
und denke: lass rollen!

Ran ans Tagesprogramm, grobe 70 Kilometer nach Kyoto werden heute abgerollt. Die Route, piece of cake: einfach in Sichtweite zum See den Fahrradweg entlang. Anhöhen gibt es nicht, der Teer ist glatt und sauber. Beste Bedingungen um das Tempo hochzuhalten und noch bei Tageslicht anzukommen. Ich kann mich eigentlich nur selbst ausbremsen.
Was ich natürlich tue, wo sind wir denn. Verschiedenen Hinweisschildern nach reiht sich hier eine schöne versteckte Tempelanlage an die andere. Ich nehme eine beliebige Fährte auf und lasse mich damit auf einen Umweg ein, der mich…
…erstmal an eine Steintreppe bringt, die in den Wald führt. Andächtig blicke ich die endlosen Stufen hinauf, mitten hinein ins Klischee. Hohe, teils echt schräge Steinstufen, die schnurstracks und scheinbar endlos den Berg hinauf zu sagenumwobenen Tempeln führen…? Come on! Sowas gibt’s doch nur im Film.
Mit meinem Gepäck komme ich nicht weit. Mein westlicher Argwohn ist erschöpft, so lege ich den Rucksack ins Gebüsch neben dem Torii-Tor am Fuß der Treppe und mache mich schwer schwitzend an den Aufstieg. Nach kurzer Zeit darf ich mich schon fragen, was die kurzen mittelalterlichen Japaner dazu getrieben hat, derartig hohe Steinstufen zu verbauen. Nicht mal die Statur eines modernen bayrischen Burschen reicht aus, um gutaussehend oben anzukommen!
Kaum ist das Tempeltor in Sicht, knappe 20 Stufen über mir, stelle ich fest, dass bis hierin auch eine gemächliche Bergstraße herangeführt hätte. Arrgh! Aber ich bin stolz auf den Körper­einsatz.
Oben werde ich nicht enttäuscht. Eine Vielzahl imposanter alter Tempelgebäude samt fünfstöckiger Pagode ringen sich um einen stattlichen Vorplatz, von dem man über Baumwipfel hinweg bis zum See Biwa-ko blickt. Ich bin komplett allein und wandle umher nur mit den Geräuschen des umliegenden Waldes im Ohr.
Ich finde beim Umherschlendern einen Turm, in dem eine gewaltige Glocke hängt. Stopp, das muss korrigiert werden: Dieser gusseiserne Riesenzylinder hat keinen Klöppel, wodurch es sich um einen Gong handelt (so lerne ich viel später). Zur Schallerzeugung wird ein waagrecht daneben baumelnder Baumstamm benutzt. Durch kleine Scharten blicke ich nach draußen auf den stillen Vorplatz mit der Pagode, und atme beim Anblick dieser zeitlosen Fassaden samt ihrer Aura aus bedächtiger Stille nichts anderes als feinen Frieden.
Stark atmend komme ich nach dem Abstieg wieder am Fuß der Treppe an und springe umgehend aufs Brett: So schön das alles war, die Zeit muss wieder reingeholt werden. Zurück auf dem vorigen Weg neben der Landstraße gebe ich extra Gas und erfreue mich am sorgenfreien Dahingleiten.
Ratsch. Wat war’n das jetzt? Hm, egal.
Weitergefahren. Ratsch! Da, schon wieder. Und plötzlich zieht’s. Ich blicke hinab, und sehe Schenkel, wo ich Hose erwarte. Frische Luft zieht gefällig um die Nüsse. Das kommt nun nicht ungelegen… aber vielleicht sollte ich kurz hinter geeigneten Büschen das Ausmaß der Entblößung untersuchen.
Es stellt sich heraus: Das gesamte linke Hosenbein der kurzen Hose ist schenkelinnenseitig aufgerissen, vom Knie hoch bis zum Schritt. In Berlin würde man bei dem Anblick keine Braue hochziehen, aber in Japan könnte ich zweifellos Schamesröte, Ohnmacht, oder schlimmstenfalls Herzattacken auslösen. Ich wäge ab: Ungern senke ich mit meiner Erscheinung das hohe Durchschnittsalter, aber eine lange Hose tu’ ich mir bei dem Wetter auch nicht an. Kompromissbereit ziehe ich mir die lange Unterhose unter den losen Hosenlappen und stülpe sie hoch bis übers Knie. Basta. Damit sind meine Knie mit einer dicken Schicht Polster versehen.
Zurück zur Straße, zurück zum sorgenlosen Dahingleiten. Das hat fast etwas Meditatives: Man beschäftigt den Körper so eingehend mit einer simplen Tätigkeit, dass sich der Geist lösen und frei umher fleuchen darf. Nach genug Kilometern sind die üblichen Alltagsgrübeleien ad acta gelegt, und man beginnt, sich praktisch mental die Nägel zu feilen.
In diesem Schwebezustand zwischen Zen und Langeweile vergesse
ich Kiesel zu sichten. Mittlerweile hat’s mich schon ein paar Mal unsanft vom Brett geholt, aber nie bei einem schnellen Downhill oder waghalsigen Manövern. Oft genug werde ich bei bloßer Schrittgeschwindigkeit ausgebremst, sei es durch unscheinbare Kiesel – oder den ein oder anderen Gulli. Das tut meistens arg weh, und ist oftmals sehr, sehr peinlich (weil umstehende Leute nicht erkennen können, was den Sportler so holterdipolter vom Brett wirft) – aber zumindest ist es nicht ganz so peinlich, wie wenn man selbstvergessen den breiten Radstand seines Cruisers unterschätzt und man beim Anschieben die Zehen den hinteren Rollen in den Weg stellt – wodurch das Skateboard zu den wenigen Vehikeln verkommt, mit denen man sich selbst überfahren kann – was in etwa den Gipfel der Peinlichkeit darstellt.
Solang man aber zügig unterwegs ist, räumt man mit ein bisschen Geschick und der richtigen Gewichtsverlagerung auch größere Kiesel einfach aus dem Weg. Nur nicht dieses Mal. Dieses Mal kommt mir etwas wesentlich Letaleres in den Weg, ein halbmorsches Hölzchen. Diese Dinger sind fies, denn sie knautschen sich direkt zwischen Achse und Asphalt. Unmöglich, darüber hinweg zu poltern.
Gerade befasst sich mein Geist mit tiefen Themen wie dem Unterschied zwischen Ramen-Nudeln und Soba-Nudeln, nur um jäh in eine viel dringendere Überlegung gerissen zu werden, und zwar – in Anbetracht der Tatsache, dass man plötzlich horizontal in der Luft hängt – welche Körperteile im Falle eines Falles die Gunst der Stunde verdienen, und welche spontan als Stoßfänger herhalten müssten.
Die hochgekrempelte lange Unterhose bekleidet neuerdings die Knie, erinnere ich mich noch während des Fluges, somit hätten sich zumindest geeignete Stoßfänger gefunden. Ohnehin habe ich gerade die Hände voll mit der schweren Kamera und einer Handvoll Erdnüssen. Also, Obacht!
Das rechte Knie schmettert auf den Asphalt, doch die Fallgeschwindigkeit treibt mich weiter nach vorne. Ich recke den rechten Unterarm nach oben um die Kamera zu schützen. Ellbogen rechts, aufgepasst! Die linke Handfläche schießt hilfsbereit nach vorne und reibt mit Karacho über den groben Asphalt – doch es hilft nicht viel: Der rechte Ellbogen trifft dennoch mit Schmackes auf den Boden, kurz gefolgt vom schweren Kamerakäfig. Für die Kamera geht es gut aus, zum Glück. Für den Ellbogen…?
In den folgenden Wochen und Monaten wird sich herausstellen, dass sich ein Stückchen Knochen oder Knorpel gelöst hat, was nun freimütig in Gelenknähe herumschwimmt. Ruhe ich den Ellbogen fortan auf einer harten Unterlage, einem Tisch etwa, drückt mir dieses Stückchen manchmal auf den Hauptnerv und löst einen blitzartigen, höllischen Schmerz aus. In solchem Momenten werde ich wehmütig – wenn auch schmerzerfüllt – an mein Abenteuer in Japan zurückdenken, und verträumt lächeln.
Doch noch sind wir nicht zu Hause. Im Moment verlange ich nach einem Beißholz. Ich laufe eine Weile wahnhaft im Kreis und stöhne hingebungsvoll, in der verqueren Hoffnung, dass genug Theatralik den Schmerz vertreibt. Als auch das nichts bringt, fange ich tatsächlich an zu lachen. Lachen auf die guten Zeiten auf dem kleinen
Skatepark meiner Jugend, und wie kreativ wir uns damals die Körper zerlegt haben. Ha! Bemerkenswert wurde es erst, wenn ein Krankenhaus in der Geschichte vorkommt.
Ich beiße die Zähne zusammen und singe zur Verdrängung das nächstbeste japanische Lied, das mir einfällt, was natürlich »Zankoku na tenshi no youni« aus »Neon Genesis Evangelion« ist. Tolles Lied um fremde Japaner zu beeindrucken, schreckliches Lied zum Fluchen. Hätte ich nur die Lyrics des einen japanischen Death Metal-Lieds im Kopf… Ich weiß, nur dass oft »takusan tatemono!!« geschriehen wird – ich weiß allerdings nicht warum, denn »takusan tatemono« heißt einfach schnöd »viele Häuser«. Weiß der Teufel welche Dämonen man damit austreibt. Ich schreie es trotzdem.
Dabei vollführe ich weiterhin einen hingebungsvollen Regentanz. Doch es tropft nicht Wasser. Mal an mir heruntergesehen, was kitzelt da so? Ah, Blut. Ich sehe Rot, wo vorher noch schwarze Funktionswäsche war: Durch Löcher in der Wäsche triefen Knie und Ellenbogen. Na hoppla.
Belämmert springe ich aufs Brett und setze die Route fort. Immer schön tapfer weiterschubse! Fleißig drücke ich aufs Gas, um noch vor Einbruch der Dunkelheit nach Kyoto zu kommen.
Entsprechend ausgezehrt rolle ich am späten Nachmittag die letzten hunderte Meter in die Bucht der Südspitze vom Biwa-ko, und damit in die Stadt »Otsu«. Da ich die Ostroute um den See genommen habe, blicke ich nun über dem Wasser der untergehenden Sonne entgegen, während ich an Palmen vorbei einer breiten Uferpromenade entlang fahre. Herrlich.
Bis ich an einer Parkbank gegenüber eines Convenience-Store ankomme. Ich faule Sau entscheide mich zu setzen. Steif von Muskelpein lasse ich das Gepäck von mir abfallen, wanke voran wie ein Zombie mit Rücken, und bringe mich sachte vor der Bank in Stellung um behutsam die Knie zu beugen und somit den Sitzvorgang einzuleiten.
Arrrrgh! Mann das schmerzt! Nicht die Muskeln sind das Hauptproblem: Das Blut aus den Knielöchern hat sich bei der Gerinnung mit der dünnen Sportkleidung verbunden; bei allzu ausladender Haut- oder Klamottendehnung reißt es mir die frisch getrockneten Wunden auf. Arrgh! Ich brauche mehrere Anläufe, welche akustisch begleitet werden von verstörenden Stöhnlauten, und optisch untermalt von einem abwechslungsreichen Schmerzfratzentheater.
Ich sitze. Yessss, ich sitze! Durchatmen. Also. Meine Karte ist ein Witz. Ich weiß weder, wie groß dieses »Otsu« ist, noch wo es aufhört und mein großes Etappenziel Kyoto anfängt; ich spekuliere aber, dass die unweit entfernten Hügel eine natürliche Grenze darstellen. Um Genaueres zu erfahren, sollte ich den nächstbesten Convenience-Store auskundschaften – und zwar am besten sofort, denn je länger ich sitze, desto mehr pappt sich das Blut in die Kleidung, und dann geht beim Aufstehen der Spaß aufs Neue los.
Ächzend richte ich mich auf, klaube mein Zeug zusammen und wanke weiter. Währenddessen bereite ich mich mental auf den Thekenmenschen vor – ich will ihm ja keinen Schreck einjagen.
– Was trotzdem geschehen wird. Weshalb genau? Das darf man sich in der Vollversion zu Gemüte führen.

Vielen Dank fürs Lesen dieser kurzen Probe!